Straßenkind (Naruto)
Titel: Straßenkind
Autor: KisunaSukiChan
Fandom: Naruto
Genre: Drama
Link zur Story: http://www.myfanfiction.de/texte/naruto/strassenkind.133806.html
Kurzbeschreibung des Inhalts:
- AU - SasuNaru - Sasuke ist 16 Jahre alt, Oberstufenschüler und Vollwaise. Er lebt bei seinem älteren Bruder Itachi und versucht nun die 11. Klasse zu bewältigen. Als er von seinem ersten Schultag in dieser zurückkommt trifft er auf einen verwahrlosten Jungen mit blonden Haaren und azurblauen Augen. Seit diesem Treffen kann Sasuke nicht anders als ständig an dieses Straßenkind zu denken. Er begibt sich in die Gefahren des Ghettos und nimmt den Jungen bei sich und Itachi auf. Kurzerhand verleiht Sasuke ihm den Namen Naruto, und eine Freundschaft entsteht, die viel tiefer reicht als Beiden zu Anfang klar ist, und die zu Scheitern droht, viel öfters als Beiden lieb ist.
Bemerkung: Ich kenne mich mit dem Naruto-Universum und den Charakteren nur oberflächlich aus.
Sprache
Sprachlich ist die Geschichte unauffällig. Bis auf ein paar Flüchtigkeitsfehler waren sowohl Grammatik als auch Rechtschreibung sauber. Der Wortschatz der Autorin befindet sich dabei im guten Durchschnitt und wird sich mit mehr Erfahrung von selbst ausweiten.
Handlung
Der Vollwaise Sasuke wohnt mit seinem Bruder in einem Dorf, das direkt neben einer sehr schlimmen Gegend liegt – die Autorin nennt es Ghetto. Auf dem Weg von der Schule nach Hause muss er dieses durchqueren und trifft dabei den obdachlosen Naruto.
Er ist sofort von ihm fasziniert und sucht am nächsten Tag schon auf der Suche nach ihm freiwillig das Ghetto auf – ein fataler Fehler. Sasuke wird sexuell belästigt von Bettlern, die anscheinend regelmäßig vorbeilaufende Fremde um Blowjobs bitten oder sie direkt vergewaltigen. Das lässt auf eine sehr seltsame Vorstellung der Autorin von Obdachlosen schließen, die mir persönlich sofort bitter aufstieß. Nicht nur obdachlose Kinder sind Menschen, obdachlose Erwachsene auch.
Sasuke nimmt Naruto mit sich und überzeugt seinen großen Bruder Itachi, ihn zu behalten wie einen Hund von der Straße (O-Ton: Es war fast so, als würde Sasuke fragen: „Darf ich ihn behalten? Er wird auch ganz brav sein!“). Die Geschichte verfolgt nun Sasuke, der mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hat und dabei versucht dem emotional noch viel mehr angeschlagenen Naruto zu helfen.
In Rückblicken wird die Vergangenheit der verschiedenen Charaktere erzählt und dabei wird so ungefähr jedes nur mögliche Trauma angeschnitten, das man sich vorstellen kann. Vom prügelnden Vater über Prostitution bis hin zur Vergewaltigung ist wirklich alles dabei. Die Autorin ist sich auch durchaus der extremen Auswirkungen dieser Ereignisse bewusst und geht damit recht sensibel um.
Es ist die Tatsache, dass ein tragisches Schicksal in dieser Geschichte ans Nächste gereiht ist, die mich stört. Die Autorin schrieb vor den Rückblenden aus Narutos Vergangenheit: „Ich bin jemand, der denkt, dass das alles besser gemacht werden könnte und so nicht funktioniert, wie es ist.Darum... habe ich versucht das in diesem Kapitel deutlich zu machen.“ Und im Nachhinein sehe ich diese Intention der ganzen Geschichte an. Es ist hier nicht genug, dass Sasuke unter dem Leistungsdruck von seinem Vater leidet, weil sein Bruder in Allem viel besser als er ist. Nein, natürlich muss der Vater dazu noch ein verbitterter Sadist sein, der seinen Sohn absichtlich niedermacht und schlägt.
Ich hatte immerzu das Gefühl, dass dem Leser mit allen Mitteln Mitleid für die Protagonisten abverlangt werden soll und wenn mir das so offensichtlich auffällt, erzeugt es in mir eher eine Abwehrhaltung als die erzielte Empfindung.
Auch hat der Anfang der Geschichte mich nicht wirklich überzeugt, weswegen ich die ganze Geschichte über immer darüber nachdachte, ob dies und jenes so passieren könnte oder würde. Ein Ghetto in einem kleinen Kuhdorf ohne Busanbindung, in dem regelmäßig Menschen am helllichten Tage vergewaltigt werden und dessen Bewohner so kaltblütig sind, dass ihnen der Tod eines Jungen am Arsch vorbeigeht, kann ich mir beim besten Willen nicht in Deutschland vorstellen. Vor allem im direkten Vergleich mit den Szenen in der Schule merkt man deutlich, an welcher Stelle die Autorin aus Erfahrung redet und wo nicht.
Charaktere
Ich wage zu behaupten, dass Steckbriefe bei den meisten Lesern nicht besonders beliebt sind und nur selten gelesen werden. Oftmals sind sie ein Ersatz für richtige Charakterisierung, was zum Glück bei dieser Fanfiktion nicht der Fall ist. Umso weniger Sinn macht es allerdings, sie zu posten.
Der Protagonist ist hier definitiv Sasuke, der gerade in die elfte Klasse des Gymnasiums kommt. Seine Eltern sind tot und sein großer Bruder zieht ihn alleine auf. Er ist still, in sich gekehrt und trägt so allerhand Probleme mit sich herum. Insofern scheint sein Verhalten mit seinem Manga-Vorbild durchaus übereinzustimmen, worüber ich mir aber keine tiefergehenden Aussagen erlaube. Allgemein verhält sich Sasuke nachvollziehbar und realistisch.
Naruto hingegen ist den Aussagen der Autorin nach sehr von seinem eigentlichen Verhalten abgewichen. Am Anfang der Geschichte kam er mir etwas minderbemittelt vor, wie ein Hund, mit dem die Autorin ihn sowieso verglichen hatte. Er kann nicht reden, nicht schreiben und versteht die alltäglichsten Dinge nicht. Im Laufe der Geschichte wird das zwar besser, aber der Ersteindruck bleibt hängen. In den Kapiteln zu seiner Vergangenheit beschreibt er aus der Ich-Perspektive; er kam mir dabei älter vor als er eigentlich sein sollte, weil er sich sehr gewählt ausdrückte.
Sasukes Freundeskreis, also Gaara, Temari, Kiba, Neji und Shikamaru, sind ebenfalls gut charakterisiert. Sie haben alle mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und waren nicht nervig. Ino und Sakura, Sasukes Fangirls, sind anfangs so platt wie Pappfiguren, dumm wie Brot und benehmen sich wie kein Teenager, den ich jemals kennengelernt habe. Das schien der Autorin schließlich auch aufgefallen zu sein und sie versucht gegenzusteuern. Urplötzlich verändern sich die Beiden zu normalen Mädchen, ohne dass es dafür einen triftigen Grund gäbe. Auch die zweimal auftauchende Matsuri hat mich nicht überzeugt, weil sie ausschließlich ein Handlungselement war.
Am wenigstens war ich allerdings von den „Antagonisten“ begeistert, wenn man davon überhaupt sprechen kann. Zum einen waren da die Bewohner des Ghettos, welche natürlich allesamt entweder Vergewaltiger oder gefühlskalte Menschen ohne jegliches Mitgefühl sind; jetzt mal abgesehen von Narutos Genossen. Sasukes Vater war ebenfalls ziemlich einseitig charakterisiert, genauso Temaris und Gaaras Vater. Der Priester, der im späteren Verlauf auftaucht, war ein einziges Klischee, weswegen ich seine Rolle überhaupt gar nicht erst ausführen muss.
Bei den wichtigen Nebencharakteren ist die Charakterisierung also durchaus gelungen und die Gefühle nachvollziehbar beschrieben, während beim Rest nicht mehr so viel Mühe dahinter gesteckt wurde, sie realistisch wirken zu lassen. Sie hatten ihre zugeschriebene Rolle im Plot und wurden an gängige Klischees angelehnt.
Persönliche Meinung
AU-Geschichten konnte ich persönlich nie etwas abgewinnen, da ich der Meinung bin, diese würden genauso gut auch als Originale funktionieren. Ich kann an dieser Stelle allerdings nicht sagen, wie viel von Naruto hier noch übrig geblieben ist und welche Rolle das Fandom noch spielt.
Ich mag es einfach nicht, wenn jemand versucht mich darüber zu belehren, wie schrecklich diese Welt doch ist. Um das zu wissen, brauche ich keine Fangeschichten zu lesen – das ist mir selbst klar. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass hier die Welt schwärzer gemalt wird als sie eigentlich ist.
Es ist nicht so, dass die emotionalen Szenen nicht auf mich gewirkt hätten, allerdings empfand ich dieses Konzentrieren auf die schlechten Seiten unserer Gesellschaft und die damit verbundenen Übertreibungen als anstrengend und unrealistisch.
Fazit
„Straßenkind“ hat in mir gemischte Gefühle geweckt. Einerseits befasst die Geschichte sich wirklich sehr ernsthaft mit den Empfindungen der Charaktere, andererseits sind so einige Begebenheiten einfach zu viel des Guten gewesen und waren der Authentizität eher abträglich. Wer sich nicht daran stört, dass ihm hier ziemlich offensichtlich vor Augen geführt werden soll, wie unfair und schlecht die heutige Gesellschaft ist, kann sich diese Fanfiktion zu Gemüte führen.
Verbesserungsvorschläge
Erst einmal sollte die Autorin sich mehr über Obdachlose und das Leben auf der Straße bzw. in sozial schwächeren Gegenden informieren. Richtige „Ghettos“ befinden sich in Großstädten und sind beileibe nicht so extrem wie im Text angedeutet – vielleicht ist das in einzelnen wirklich schlimmen Gegenden so, allerdings sind das nun wirklich Einzelfälle(siehe Amerika). Es ist eine Sache, Probleme in der Gesellschaft anzusprechen. Eine ganz andere ist es, wenn man unabsichtlich übertreibt, weil man sich nicht informiert hat. Auch glaube ich nicht, dass Straßenkinder absichtlich mit Tieren von der Straße verglichen werden sollten.
In die weiteren Nebencharaktere könnte etwas mehr Aufwand gesteckt werden, denn wenn man das nicht tut, läuft man so wie hier Gefahr in gängige Klischees abzurutschen. Selten haben Menschen ausschließlich schlechte Eigenschaften; auch die nicht, die schlimme Verbrechen begehen. Es geht dabei nicht um das Entschuldigen dieser Taten, sondern vielmehr um die Glaubwürdigkeit der Charaktere.
Am wichtigsten wäre es meiner Ansicht nach aber, wenn die Autorin abwägt, wie viel „Drama“ ihre Absichten in dieser Geschichte stützt und ab wann sie übertreibt. Auch weniger heftige Schicksale haben einschneidende Auswirkungen auf den Lebensweg eines Menschen und seine Psyche. Manchmal ist weniger einfach mehr beziehungsweise realistischer.
Gruß
Smailii1805