"Olympische Reformen" von Shinai(Fantasy)
Titel: Olympische Reformen
Autor: shinai
Prosa
Original
Genre: Fantasy (vorerst)
Link zur Story:http://www.fanfiktion.de/s/49480835000029280c901388
Kurzbeschreibung: Zeus hat ein Alles-Inklusive-Glaubenserneuerungspaket vom nordischen Quälgeist Loki gekauft und lässt es nun von seiner versammelten Verwandschaft umsetzen. Das Ergebnis ist wie zu erwarten durchzogen. Wenn sie es denn einmal schaffen, sich länger als fünf Sekunden auf die Protoweihnachtsgeschichte zu konzentrieren, geht eigentlich alles schief. (noch unvollendet)
Sprache
Von der orthografischen Seite kann ich kaum etwas beanstanden, Rechtschreibung und Grammatik sind größtenteils tadellos. Hin und wieder fallen einige wenige Tippfehler und fehlende Beistriche ins Auge, aber das nur recht selten. Der Satzbau überzeugt durch immer gut lesbare Komplexität. Die interessanten und trotzdem übersichtlichen Satzkonstruktionen zeugen von guter Belesenheit der Autorin. Ebenso umfangreich ist der Wortschatz, wenngleich die gelegentlich auftretenden neudeutschen Ausdrücke wie ‚Happening‘ wie die Faust aufs Auge in diese historisch angelehnte Geschichte passen.
Inhalt/Handlung
Der Inhalt handelt im Groben von der Welt der griechischen Götter im antiken Griechenland. In diese Welt mischt sich der nordische Gott Loki ein, der hier als hinterlistiger Verkäufer sogenannter ‚Glaubenserneuerungspakete‘ auftritt, von denen er eines dem Göttervater Zeus höchstpersönlich verkauft hat. Es beinhaltet die Geburt eines Kindes „zwischen Ochsen und Schafe“, was eine offensichtliche Anspielung auf die Jesus-Geschichte ist. Was dies alles genau bewirken soll, bleibt aber lange Zeit unklar(in dem mir vorliegenden Text sogar gänzlich). Der Rest der Geschichte handelt von den verschiedensten griechischen Göttern wie auch diversen Helden jener Zeit a’ la Odysseus und Achilles, die alle irgendwo mit der Geschichte verflochten sind. Ich kann nur vermuten, dass diese Geschehnisse etwas mit dem nachlassenden Glauben der Menschen im antiken Griechenland an ihre Götter zu tun haben, davon abgesehen erscheint es mir aber, als ob die Autorin während des Schreibens selbst auf die Handlung vergessen hat und sich lieber in allen möglichen ungewöhnlichen und zugegebenermaßen oft recht originellen Episoden ergeht.
Das Hauptproblem liegt meiner Ansicht nach darin, dass die einzelnen Handlungsstränge konfus angelegt sind. Es gerät zu einem Ratespiel, welchen Zweck die einzelnen Handlungen und Aufritte haben. In der mir vorliegenden Fassung ist diese Geschichte eine Aneinanderreihung von durchaus humorigen und teilweise sogar tiefsinnigen Episoden, die aber nur sehr lose zusammenhängen. Die vielen Nebenhandlungen mit ihren wirren, oft genug ins Nichts führenden Dialogen lassen kaum Kontinuität aufkommen. Mein persönlicher Rat wäre, sich auf einige wenige Handlungsfäden zu konzentrieren, anstatt sich in etlichen Nebenschauplätzen ohne ersichtliche Relevanz zu verlieren.
Die Atmosphäre leidet unter dem Gegenwartsslang, der den griechischen Göttern von der Autorin in den Mund gelegt wird. Dazu kommt noch, dass Umgebungsbeschreibungen nur sehr selten vorkommen- was schade ist, denn die wenigen, die es gibt, sind recht gelungen und sehr anschaulich.
Charaktere
Charaktere gibt es genug, und zweifellos geben die Götter der griechischen Mythologie genügend Hintergrund für interessante Konflikte und schlagfertige Dialoge ab. Diese gibt es auch immer wieder in den humorigen Schlagabtäuschen, die in diesen Momenten die Ambivalenz zwischen den einzelnen ‚Zuständigkeitsbereichen‘ der Götter widerspiegeln- um dann aber wieder, leider recht häufig, in puren Klamauk abzudriften, der es für mich fraglich erscheinen lässt, warum man zu solchem Holzhammer-Humor gerade die griechische Götterwelt bemüht. Die Hintergründe der einzelnen Gottheiten werden an manchen Stellen auf recht interessante Weise eingeflochten- das hätte ich mir noch öfter gewünscht. Leider driftet das ganze immer wieder Richtung eben dieses Holzhammer-Humors ab, der das sonst vorherrschende Niveau unnötig hinab zieht. Vor allem die Figur der Aphrodite wird auf eine recht stereotyp wirkende Weise als oberflächliches, selbstverliebtes Dummerchen gezeigt, was zu Beginn mäßig komisch wirkt, nach der x-ten Wiederholung des selben Scherzes über ihre Dummheit und ihren Männerwahn aber nervt und leider jede Subtilität und Ironie, zu der diese Autorin zweifellos fähig ist, vermissen lässt. Ein anderes Beispiel, wo die Autorin meiner Meinung nach über das Ziel hinausgeschossen ist, ist die Figur des Hermes, der genauso gut aus einem Michael Herbig-Film entnommen sein könnte und mit seiner ‚lauwarmen‘ Attitüde auch bald sein ‚Käfig voller Narren‘-Humorpotential aufgebraucht hat.
Die Ausdrucksweise der Charaktere ist leider oft genug unpassend. Wenn schon die griechische Götterwelt mit unleugbarem Hintergrundwissen gezeigt wird, dann sollten Ausdrücke wie „doof“ oder „Happening“ oder „fremdschämen“ unterlassen werden. Oft genug kommt es auch vor, dass die Dialoge die Kurve von bündig zu humorvoll nicht kriegen und ins Lächerliche oder auch Banale abdriften. Die Charaktere werden dabei von den historischen Figuren, die sie ja sind, zu schwatzenden Witzfiguren hochstilisiert- was womöglich durchaus beabsichtigt war. Leider schlägt der zweifellos vorhandene Humor auf diese Weise oft genug in holprigen Slapstick um, der an Comicbücher wie Asterix & Obelix erinnert- was wohl eine der Inspirationsquellen war- ohne allerdings das gesunde Mittelmaß, den Humor betreffend, dieser Vorlage zu erreichen. Was in einem bildhaften Comicbuch durchaus funktioniert, wirkt in einer rein auf Text basierenden Geschichte nicht so gut- was meine Empfehlung mit sich bringt, den Humor mehr mit der feinen Klinge anstatt dem Holzhammer rüberzubringen(was die Autorin ohne Zweifel kann, wie genügend bessere Stellen in der Geschichte beweisen).
Charaktertiefe kommt wenig auf, was vor allem an der sehr häufig wechselnden Perspektive liegt. Bei einer Geschichte mit Schwerpunkt auf dem Humor steht die Charaktertiefe auch nicht zwangsläufig an erster Stelle. Positive Ausnahmen sind die Figuren Artemis und Loki, die nicht einfach nur belachenswerte Karikaturen ihrer ursprünglichen Vorbilder sind, sondern auch Persönlichkeit entwickeln und interessante, nachvollziehbare Gedankengänge haben.
Sonstiges
Die Grundidee ist ausgesprochen originell und bietet reichlich Potential. In der griechischen Mythologie finden sich alle Archetypen erzählerischer Figuren, die in dieser Geschichte auch in einer Vielzahl vorkommen. Auch gesellschaftliche Einstreuungen über die damaligen Verhältnisse kommen vor, was mich positiv überrascht.
Der Titel ist durchaus zutreffend, auch die Zusammenfassung geht ziemlich genau auf die Handlung ein- zumindest die der ersten Seiten. Davon abgesehen ufert der Plot immer weiter aus, sodass ich nach über 30.000 Wörtern den Eindruck hatte, die Geschichte habe auf ihre eigene Prämisse vergessen. Einerseits ist ein komplexer Plot nichts Beanstandungswürdiges, sondern vielmehr eine Herausforderung für den Autor wie auch den Leser- ob für eine betont humorvolle Geschichte ein schwer zu folgender Plot das Richtige ist, lasse ich allerdings dahingestellt.
An Erzählfülle mangelt es insofern, als dass alle Vorgänge ziemlich wirr und kryptisch gehalten sind und oft genug die Geschichte nicht weiterbringen. Es ist, wie gesagt, eine Aneinanderreihung an Episoden, die für sich genommen Großteils recht unterhaltsam sind. Der rote Faden fehlt aber weitgehend und blitzt nur auf, wenn Loki mit seinem ‚Verkäufergeschick‘ die Bühne betritt. Sehr gut gefallen haben mir die rein narrativen Passagen, die für sich genommen recht unterhaltsam, schlagfertig und stellenweise sogar auf interessante Weise sozialkritisch und tiefsinnig sind- leider werden sie immer wieder von teilweise ins Dümmliche abdriftenden Dialogen unterbrochen. Vor allem die Dialoge, an denen die Figur der Aphrodite beteiligt ist, wirken jedes Mal, als wäre ihr einziger Zweck, die Dummheit dieser Göttin zu betonen. Humorvoll finde ich diese aber aufgrund ihres Brachial-Slapsticks, der sehr im Kontrast zu den elegant klingenden erzählerischen Passagen steht, nicht.
Persönliche Meinung
Das ausgesprochen originelle Grundthema und der oft sehr gelungene Humor haben mich von Anfang an begeistert. Leider hat dieser Effekt nur so lang angehalten, als dass das Niveau des Humors immer öfter Richtung Keller sank und die Handlung ziemlich konfus wurde. Eine Reduzierung der teilnehmenden Figuren sowie die Konzentration auf einen bzw. wenige rote Fäden hätte der Geschichte gut getan.
Der sehr häufige Szenenwechsel macht die Identifikation mit den Protagonisten nicht gerade einfach. Auch hier wäre weniger mehr gewesen. Einige Nebenfiguren, wie Herakles, scheinen rein der Darstellung von bestimmten Stereotypen zu dienen. Ein anderes Beispiel sind die ‚Philosophen‘, die hauptsächlich für dümmlichen Klamauk sorgen(vor allem die Szenen, wo sie den Göttern beweisen wollen, dass es sie ‚nicht wirklich gibt‘- und der viel zu lang ausgewalzte Witz mit den „Tfähnen“ war meiner Ansicht nach der humoristische Tiefpunkt bisher), ansonsten aber in den Hintergrund gedrängt werden. Ein positives Gegenbeispiel ist die Göttin Artemis, die als eine von wenigen Figuren Tiefe und Facettenreichtum bekommt. Die Figur des Odysseus wirkt in dem mir vorliegenden Text ebenfalls, als hätte sie Potential zu weiteren interessanten Auftritten. Bis zu der Stelle, wo mein Text endet, bleibt es aber bei kryptischen Anspielungen, die ein Vorhaben zwar erahnen lassen, sonst aber den weiteren Plot in Dunkelheit hüllen. Diese Art des Spannungsaufbaus ist wie gesagt nicht falsch- allerdings drängt sich mir der Gedanke auf, ob sich die Autorin nicht zwischen ‚komplexer mythologischer Erzählung‘ und ‚Aneinanderreihung von Witzen unterschiedlicher Qualität‘ hätte entscheiden sollen- die Mischung von beidem wirkt nämlich etwas halbgar auf mich.
Davon abgesehen sorgen die restlichen Göttinnen in erster Linie für Zickenkriege, die wohl auf ironische Weise die ‚Menschlichkeit‘ der ‚Götter‘ veranschaulichen sollen. Hier wäre allerdings mehr Subtilität und weniger Holzhammer gefragt gewesen, etwas, das die Autorin an anderen Stellen durchaus beweist. Ebenfalls einer der gelungeneren Figuren ist Loki selbst, dessen Dialoge als eine der wenigen klare, interessante Aussagen beinhalten, während die meisten übrigen Dialoge nur Stichwortgeber für noch mehr Klamauk oder aber voller kryptischer Anspielungen sind. Eine weitere Figur, die Potential hat und gelungen humorvoll dargestellt wird, ist Menestenes, der Dichter, der durch Zufall König wird. Er hätte genauso gut die Hauptfigur dieser Geschichte werden können durch seinen interessanten Hintergrund und seinen weiteren Werdegang, rangiert aber, wie es aussieht, nur unter ferner liefen. Abermals stellt sich bei ihm die Frage, welche Position er in diesem ziemlichen konfusen Plot hat.
Überarbeitungsvorschläge
Wie bereits im vorangehenden Review vermerkt, wäre eine Entwirrung des Plots ratsam- sofern das bei einer so weit gediehenen Geschichte noch möglich ist. Zusätzlich würde ich empfehlen, den Humor etwas abzudämpfen und vor banalen Entgleisungen zu bewahren, um im Gegenzug den subtilen Humor, der ebenso vorkommt, zu fördern.
Was die Recherche angeht, kann ich nichts klagen, wie die sehr interessanten und gleichzeitig unterhaltsam gehaltenen Fußnoten zeigen. Mit diesen Fußnoten wird das Wissen über das historische und auch das mythologische Griechenland auf kurzweilige Weise eingeflochten- das hätte ich mir für den eigentlichen Text auch öfter gewünscht.
Der vielleicht wichtigste Punkt sind in meinen Augen die Dialoge. Ein Rat für die Autorin wäre, sich vor jedem Dialog in Erinnerung zu rufen, was dieser ergeben oder hervorbringen soll- denn oft genug geschieht weder das eine noch das andere. Die Stärke dieser Autorin liegt meiner Meinung nach eindeutig in den narrativen Passagen, die fast immer ebenso elegant formuliert wie auch informativ sind. Diese Passagen auf Kosten der Dialoge auszudehnen, würde diese Geschichte in meinen Augen noch lesenswerter machen, als sie es ohnehin ist.
Liebe Grüße,
Rahir