Ein Hauch von Asche und Schnee(Twilight)
Titel: "Ein Hauch von Asche und Schnee"
Autor: Chloe K
Prosa oder Poesie: Prosa - Fanfiktion
Fandom / Original: Bis(s)/Twilight
Genre: ein bisschen von allem?
Link zur Story: http://www.fanfiktion.de/s/4ceab01d000130cb06705dc0
Kurzbeschreibung des Inhalts: (Post-Canon) Alaska, USA; einige Jahre nachdem die Cullens Jacob, La Push und Forks hinter sich gelassen haben: Scarlett Cranberry und Colin Quaetin besuchen eine kleine Privatschule im verschneiten Knik-Fairview, als Renesmee, eine neue Schülerin, auf die Knik-Tchekow High wechselt. Schnell wird klar, dass das liebliche neue Mädchen und die selbstbewusste Scarlett gute Freundinnen werden und Colins Schüchternheit Renesmee gegenüber keine Charakterschwäche ist. Doch anstatt friedliche Weihnachten miteinander zu verbringen, geschehen merkwürdige Dinge. Ein gut aussehender Mann scheint Scarlett zu verfolgen, jemand verschwindet und ein anderer taucht nach Jahren wieder auf, Alice hat ein Geheimnis, Bella und Edward sorgen sich um die Sicherheit ihrer Tochter und schnell wird klar, dass die Volturi nicht ganz unschuldig an einigen Ereignissen sind...
Anmerkung: Ich habe, wie üblich bei besonders langen Geschichten, nur die ersten 100 Seiten gelesen.
Sprache
Es findet sich der eine oder andere Grammatik- bzw. Tippfehler, der eine nähere Revision des Textes empfehlenswert erscheinen lässt. Oder einfach nur die nähere Beachtung der seltsamen roten und grünen Unterstreichungen, die Word eigenmächtigerweise einfügt… Darüber hinaus findet sich hier ein eher einfacher, aber dafür flüssig lesbarer Stil, der etwas unter dem häufigen Phänomen der ‚Betonung-des-Offensichtlichen‘ leidet. Beschreibungen der Schauplätze sind eher knapp, wenn vorhanden, dann aber recht gut gelungen. Besonders die winterlichen Landschaften mit ihren Lichteffekten, welche die Autorin gekonnt in Szene zu setzen verstand, hatten es mir angetan.
Inhalt/Handlung
Der zentrale Konflikt der Geschichte dreht sich darum, dass die Hauptfigur der Renesmee von der Figur des Jacob ferngehalten muss, wie ganz zu Beginn etabliert wird. Wie man aus Buch 4 weiß, hat er eine sogenannte ‚Prägung‘, die es offenbar nicht nur bei Graugänsen, sondern auch bei Werwölfen gibt. Und das ist ‚schlecht‘ für Renesmee, auch wenn nicht erwähnt wird, warum. Ein wichtiger Plotpunkt ist die hellsehende Alice, die voraussieht, dass „Jacob kommen wird“, wenn ‚Nessie‘ bis zu ihrem sechsten Geburtstag keine Freunde gefunden und ein „normales Leben“ kennengelernt hat.
Darüber hinaus gibt es nicht wirklich eine Handlung, die ich erkennen konnte, die gelesene Textmenge gegeben. Dafür gibt es andere Dinge, welche die Leserinnen ohnehin mehr zu fesseln vermögen: Intrigen in der Schulklasse, nervende Ex-Freunde, Frisuren, Kleider, großes Trara um den Abschluss(oder Weihnachts)Ball, und vieles mehr, das unterhält und von der Kargheit der Handlung ablenkt. Einerseits aus dem Leben gegriffen, andererseits aber mit dem Flair einer privilegierten Oberklasse a’ la ‚Reich und Schön‘ aufgewertet. In der Zusammenfassung werden die Volturi erwähnt, auf den ersten 100 Seiten finden sie sich aber nicht. Falls sich tatsächlich noch ein tiefergehender Konflikt als die Frage, wer mit wem auf den Winterball geht, abzeichnet, dann kommt er etwas spät für meinen Geschmack.
Charaktere
Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht die Halbvampirin mit dem extravaganten Vornamen, Renesmee Cullen. Ihr Charakter definiert sich in erster Linie durch ihre Unzufriedenheit darüber, dass sie zwar in materiellem Überfluss lebt, aber keine echten Freunde hat, was sie zu einer Metapher auf das Leben sogenannter ‚Stars‘ macht. Dieses unterschwellige Bild zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, was ich als recht gelungen empfand: Haben doch die Vampire aus S. Meyers Feder viel weniger Ähnlichkeit mit Graf Dracula als vielmehr mit der Prominenz von MTV, welche ähnlich bleich und isoliert von ‚normalen‘ Menschen lebt und bewundert wird.
Die zweite Hauptfigur ist eine Eigenkreation der Autorin und hört auf den Namen Scarlett Cranberry. Sie erzählt den weiteren Verlauf der Geschichte aus der Ich-Perspektive und hat eine ganze Reihe ‚interessanter‘ Eigenschaften. Da wäre die theaterreife Herkunft(Mutter stirbt bei Geburt beinahe, Vater ist ein geheimnisvoller Unbekannter), alle beneiden sie um ihre atemberaubende Schönheit und begehren sie gleichermaßen, und ihre Augen „kann man getrost mit ‚Bernstein‘ bezeichnen“(O-Ton). Sie wird in der Tat so umwerfend geschildert, dass sich mir ein in der Fanfiction-Szene gängiger Ausdruck aufdrängt, der mir nicht recht einfallen will. Irgendetwas mit Mary… Jedenfalls wird sie zur allerbesten Freundin der ersten Hauptfigur und erlebt die stattfindenden Abenteuer an ihrer Seite. Sie ist auch der Bezugsrahmen, von dem aus der gesamte Cullen-Clan vorgestellt wird, auch wenn ihn jede Leserin bereits kennen wird.
Sonstiges
Die Idee zu dieser Fanfic ist in etwa so originell wie Speisereis in China, was ihrer Beliebtheit aber keinen Abbruch tut. Wer über die Hauptfiguren, die so super-toll-attraktiv sind, dass es wehtut, hinwegsehen kann(oder die Geschichte überhaupt deshalb liest), wird auf seine Kosten kommen. Die Zusammenfassung beschreibt recht passend, was geschieht; einen zielstrebigen Plot oder gar ein Ende darf man sich aber nicht erwarten, da die Geschichte ja pausiert ist. Generell kann man beim Angehen eines größeren Projekts nur empfehlen, sich zumindest Anfang und Ende klar zu überlegen, wenn der Rest schon erst während des Schreibens entsteht. Über 600 Seiten und kein Ende in Sicht lassen nicht gerade auf so etwas wie Planung schließen.
Persönliche Meinung
An manchen Punkten fand ich während des Lesens überraschend geniale Ironie, wie bspw. der Spitzname, den die Autorin Renesmee gibt, nämlich ‚Nessie‘, was nur eine Anspielung auf das Monster von Loch Ness sein kann. Oder die Stelle mit dem Typen, bei dem es die Hauptfigur wundert, dass er „kein eigenes Gravitationsfeld hat“. Diese gelegentlichen Einlagen sind die dringend notwendigen Schüsse Ironie, die den meisten Twilight-Fanfics fehlen(nicht, dass ich solchen Kram etwa lese, ähem). Davon abgesehen wusste ich nach wenigen Zeilen, was mich hier erwartet, bzw. nicht erwartet.
Als jemand, der entschieden zu viel angeborene Körperbehaarung hat, um als Zielgruppe für den Twilight-Wahn oder auch nur diese Geschichte durchzugehen, muss ich aber zugeben, dass ich mich schon schlimmer gelangweilt habe beim Reviewen eines Textes. Einen gewissen absurden Charme konnte ich der Geschichte abgewinnen, und sei es nur aus Verwunderung darüber, worin die Faszination an den wohlhabenden, blassen, wie aus der Modezeitschrift geschnipselten und gänzlich un-vampirischen Cullens besteht. Oder über die Ausdauer, mit der die Autorin ihre beiden Hauptfiguren als die bestaussehendsten Frauen des Universums schildert. Ein gutes Stück Unterhaltung mit allen Zutaten, welche sich in der Vorlage finden, ist es aber auf jeden Fall.
Überarbeitungsvorschläge
In Punkto Recherche blieb bei der Geschichte so manche Fragen offen: Beispielsweise verwendet die Autorin die Bezeichnung ‚Denali‘ zu Beginn der Geschichte, als wäre es eine Stadt in Alaska, offenbar unwissend, dass es sich dabei um einen kaum bewohnbaren Berggipfel handelt. Zeilen später spricht sie von der ‚Besteigung des Himalayas‘, als wäre das nur ein Berg, und nicht etwa ein riesiges Gebirgsmassiv. Das sind natürlich nur Kleinigkeiten, aber gerade solche Kleinigkeiten können einer Geschichte Leben und Tiefe verleihen, WENN sie richtig recherchiert sind.
Später fiel mir auf, dass Leute wie ein gewisser Rupert, der Bruder des offiziellen Schul-Bullys, Gefahr laufen, von der Schule mit dem unaussprechlichen Namen zu fliegen, wenn sich herausstellt, dass sie „auf Mädchen stehen“. Was es mit dieser rigorosen Heterosexuellen-Quote auf sich hat, erklärt die Autorin nicht. Unter dem Strich kann ich nur anraten, den kleinen Details der Welt, welche hier geschaffen wurde, etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ach ja, und das endlose Schwärmen über die Attraktivität der Hauptfiguren folgt zwar ganz S. Meyers Vorbild, aber alle Dinge muss man ja nicht nachmachen.
Fazit: Der Vorlage überaus treu, darüber hinaus aber ein solides Stück Unterhaltung.
Liebe Grüße,
Rahir