"Indigo Blue" von Phoenix78

Veröffentlicht auf von Rahir

* Titel - Indigo Blue
* Autor-
Phoenix78
* Prosa oder Poesie –
Prosa
* Fandom / Original -
Original
* Genre -
Fantasy
* Status –
Unvollendet

* Link zur Story - http://www.fanfiktion.de/s/49118043000082ec0c903a98
* Kurzbeschreibung des Inhalts:

Er wirkt auf Menschen unwiderstehlich, gefährlich schön und geheimnisvoll. Jedem Kuss, so scheint es, wohnt eine fast magische Verführungskraft inne. Christopher ahnt nicht, weshalb er die Menschen so sehr in seinen Bann zieht. Und weshalb seine Sehnsucht nach dem Meer mit jedem Tag stärker wird. Erst als er in einer verfallenen Fischerhütte auf eine mysteriöse Fremde trifft, beginnt er zu begreifen, was sein Schicksal ist. Denn diese Frau zeigt ihm seine wahre Herkunft. Und sie enthüllt das tödliche Geheimnis hinter seiner Verführungskraft. Ein Geheimnis, das alle, die er liebt, in Gefahr bringt. Besonders jene beiden Wesen, die ihm mehr alles andere bedeuten. Isabeau, seine Schwester. Und Neil, der junge Meeresbiologe

 

Sprache
Was bei dieser Geschichte sofort auffällt, ist der sehr reichhaltige, geradezu lyrische Stil, in dem sie verfasst ist. Die Autorin verwendet eine Vielzahl an klingenden Metaphern und Umschreibungen, die sich, wie es sein soll, kaum wiederholen. Kaum eines der Adjektive erweist sich als simpler Platzhalter, vielmehr sitzen sie fast immer am richtigen Platz, und nur wenige könnte man verlustfrei streichen. Das Hauptthema, das Meer, wird stilistisch immer wieder aufs Neue umrissen und auf eine sehr farbige, intensive Weise dargestellt. Nur manchmal ist es etwas zu viel des Guten, wenn in eher nüchternen Beschreibungen dann plötzlich wieder eine sehr blumige Metapher durchbricht. Davon abgesehen ist die Autorin sehr sicher in ihrer Sprache, die von einem umfangreichen Wortschatz kündet. Tippfehler finden sich so gut wie gar nicht, die Grammatik ist tadellos.      

Inhalt/Handlung
Es geht hier um das Leben eines jungen Mannes, Christopher, der feststellen muss, dass er von seinen Zieheltern nicht auf gewöhnliche Weise adoptiert, sondern er als Säugling am Strand gefunden wurde, und seine Abstammung alles anderes als gewöhnlich ist. Im Laufe der Geschichte begegnet er dem Meeresbiologen Neil, der ihn in späterer Folge auf eine Südamerika-Expedition mitnehmen wird. Die Geschichte ist laut der Autorin noch nicht abgeschlossen, sie umfasst in der Version, die ich unter die Lupe genommen habe, ca. 93.000 Wörter. Und wesentlich mehr als eben erwähnt, passiert interessanterweise nicht in dieser Menge Text.

Ganz im Stile von 'BisS' und ähnlichen Werken arbeitet die Autorin hier einerseits jugendbezogene Außenseiterdramatik und andererseits Wunscherfüllungsromantik auf, das aber leider ohne literarische Distanz. Der rote Faden ist die Sehnsucht nach dem Meer, die alle Hauptfiguren plagt, was grundsätzlich eine interessante Thematik in sich birgt. Doch diese Thematik geht bedauerlicherweise unter in einem Meer aus Gefühlsschwulst, der sich den gesamten Text hindurch andauernd wiederholt und so weder Vielschichtigkeit noch Abwechslung aufkommen lässt.

Auf den 93.000 Wörtern, die ich soweit gelesen habe, wird immer wieder die gleiche Szene ausgewalzt. Die Handlung dient als Alibi, um die Hauptfiguren schmachtende Blicke auf das Meer werfen zu lassen. So gibt es für die Hauptfiguren keine Möglichkeit, zu wachsen oder zu reifen, da sie von der Autorin immer nur den gleichen Erfahrungen ausgesetzt und sie so nie ‚in Versuchung‘ geführt werden, ihr Leben kritisch zu überdenken oder gar zu ändern. Die Prämisse, dass Christopher ein Fabelwesen aus dem Meer ist, wird dem Leser bereits auf den ersten Seiten aufs Auge gedrückt. Abgesehen davon, dass dies jegliche Spannung abtötet, ändert sich daran auch für den Verlauf des mir vorliegenden Textes nicht das Geringste. Wendungen, die sein Schicksal in Frage stellen könnten, bleiben bis dahin leider aus. Die Geschichte ist laut der Autorin erst zu zwei Drittel fertiggestellt, aber wenn auf den ersten 300 Seiten keine Spannung aufkommt, wann dann, frage ich mich?

Später in der Handlung kommt das Thema gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern, aber statt einer realistischen und Empathie-bezogenen Aufarbeitung wird auch hier tief in den Schmalztopf gegriffen, um wirklichkeitsferne sexuelle Fantasien darzustellen. Wie man es in den zahllosen Ergüssen auf Fanfic-Seiten finden kann, so mutieren auch hier zwei bisher heterosexuelle Männer zu einem Pärchen, was mit dem schwammigen Begriff ‚Seelenverwandtschaft‘ erklärt wird. Es scheint mir eher, dass die Autorin ganz einfach Spaß am Schreiben dieser Sexszene empfand, was grundsätzlich ja in Ordnung ist, darüber hinaus sich aber keine Mühe machte, diese irgendwie mit der Handlung zu verknüpfen.  

Charaktere
Die Charaktere sind wohl die größte Schwachstelle dieser Geschichte. Die drei Hauptfiguren, Christopher, Neil und Isabeau sind quasi identisch und alle gleich veranlagt. Bei den Gedankengängen der jeweiligen Person ist es oft schwer zu sagen, wer nun die Perspektive hat, da alle sehr ähnlich sind. Zudem finden sich bei ihnen so ziemlich alle Züge, die eine Mary-Sue-Figur trägt. Dies fängt an mit übernatürlicher Schönheit, Augen, die in allen Farben schimmern, tragischen Hintergründen wie gewaltsam ums Leben gekommenen Eltern, unmotiviertes Außenseiterdasein usw.

Nur als Beispiel: Isabeau hat als Haustier ein(O-Ton)‚schneeweißes, blauäugiges Traumgebilde‘, wird von ihren Mitschülern ohne erkennbaren Grund ständig gemobbt, lässt sich von ihrem Bruder andauernd versichern, dass sie, auch hier O-Ton, ‚etwas BESSERES ist‘ usw. Ihrem Bruder Christopher sagt sie mehrmals wie schön er nicht ist und vergleicht ihn sogar mit der Statue eines Meeresgottes. Sein Haar schimmert blau und seine Haut ist ‚von überirdischer Schönheit‘. Auch ihr Bruder wird ohne erkennbaren Grund von der tumb dargestellten Landbevölkerung angefeindet, geht über diese unmotivierten Aggressionen aber natürlich milde und nachsichtig hinweg.

Neil, der Meeresbiologe ist halb Indianer, halb Cherokee, hat das Gesicht natürlich voller Narben, die Christopher wiederum(ebenso O-Ton)‚nicht hässlich, sondern anziehend findet‘. So geht es die ganze Zeit dahin, und in kaum einer Szene fehlen Hinweise auf die BESONDERHEIT dieser drei Figuren.

Alle Nebenfiguren sind dagegen so flach wie Briefmarken und so eindimensional wie der Punkt am Ende dieses Satzes. Sie alle erfüllen ihre klischeetriefenden Positionen und handeln zu 100% vorhersehbar. Offensichtlich fehlt der Autorin die Fähigkeit, sich in ihrem literarischen Schaffen in einen von ihr selbst unterschiedlichen Charakter hineinzuversetzen, um diesen dann glaubwürdig und urteilsfrei darzustellen. Die Persönlichkeit eines Autors sollte nie zu deutlich durch seine Figuren durchschimmern, sonst sind sie nämliche alle gleich(wie in diesem Fall). Und alle übrigen Figuren, die sich von Haus aus zu sehr von den Motivationen und dem Erfahrungshorizont des Autors unterscheiden, werden dann als eindimensionale Klischees abgehandelt(wie in diesem Fall).


Sonstiges

Die Idee von Meerjungfrauen und –männern, sowie die treibende Sehnsucht nach dem Meer, birgt grundsätzlich einiges an Potential. Leider bleibt dieses Potential weitgehend unerschlossen. Eine Geschichte steht und fällt mit ihren Charakteren, und aus den bereits oben genannten Gründen versagen alle Charaktere in dieser Geschichte. Der Kontrast zwischen ausgereifter, poetischer und fast immer stilsicherer Sprache sowie dem gar simpel gestrickten Inhalt und den andauernden Wiederholungen hat mich, um ehrlich zu sein, sehr irritiert. Dazu kommt noch, dass Freizeilen, die einen Perspektivwechsel ankünden oder einfach nur den Text auflockern würden, völlig fehlen, sieht man von den Freizeilen zwischen den nummerierten Kapiteln ab.

Dazu kommen logische Mängel, die den Figuren jegliche menschliche Eigenschaften, wie ein facettenreiches Gefühlsleben, nehmen. Nur ein Beispiel: an einer Stelle der Geschichte marschiert Christopher in den örtlichen Gemischtwarenladen, um einzukaufen. Von der Besitzerin, ihrer Freundin und dem, O-Ton, ‚ewig missgelaunten Schafzüchter‘ wird er nach kurzer Zeit und ohne erkennbaren Grund aufs Schärfste angefeindet. Es folgt ein Wortgefecht, auf das hin er den Laden verlässt.

Was mich nun massiv an dieser Szene irritiert: die Anwesenden sind von Haus aus sehr negativ gegen Christopher eingestellt. Es liegt nahe, dass dies nicht die erste Anfeindung in seinem Leben ist, das er ja zur Gänze hier verbracht hat. Aber hat er vielleicht Bedenken oder ein argwöhnisches Gefühl beim Betreten dieses Ortes? Nein, hat er nicht, er spaziert gänzlich unvoreingenommen hinein. Jeder Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen und Erinnerungen, die ihn prägen und leiten in seinem Tun. Aber dieser Christopher ist leider nur ein von seiner Umwelt losgelöster Gary-Stu, was ihm jede Menschlichkeit nimmt.

Persönliche Meinung
Von Anfang an wird die Auflösung verraten: Christopher ist eine männliche Meerjungfrau und will in das Meer zurückkehren. Subtilität, was das ‚Foreshadowing‘ betrifft, ist der Autorin ein Fremdwort, alles wird gleich verraten, und jedes Gerücht trifft 100% zu. Die Hauptfiguren sind alle nahezu identisch aufgebaut, wodurch sich die Frage nach der Identifikation gar nicht erst stellt. Spannung kommt so gut wie nie auf, da der Plot sich so quälend langsam dahinwälzt wie ein gestrandeter Wal.

Es gibt langatmige Szenen, die die Autorin mit Hingabe und sprachlich sehr gut beschreibt, wie beispielsweise die Weihnachtsfeier gegen Ende des Textes, die aber der Geschichte nichts hinzufügen. Das andauernde Wiederholen der gleichen Versatzstücke unter dem Motto ‚ich-vermisse-das-Meer-so-sehr-und-ach-ich-bin-so-anders‘ ließ bei mir nur Langeweile aufkommen. Die Abwesenheit jeglicher Vielschichtigkeit oder Charakterentwicklung lässt die Frage entstehen, warum die Geschichte bis jetzt schon fast 100.000 Wörter umfasst und nach Angabe der Autorin erst zu zwei Drittel fertig ist.

Es besteht für mich kein Zweifel, dass die Autorin mit Hingabe und Leidenschaft schreibt; wer aber ihren Erfahrungshorizont nicht weitgehend teilt, wird mit dieser sich fast schon auf autistische Weise um sich selbst drehenden Geschichte nichts anfangen können. Letztendlich komme ich zu dem Schluss, dass diese Geschichte auf eine klare Zielgruppe zielt und alle anderen ausschließt.

 

Überarbeitungsvorschläge
Diese hier angesammelten Kritikpunkte ließen sich auf folgende Weise beheben: zuerst einmal sollte die Autorin Hauptfiguren verwenden, die sich von ihrem eigenen Charakter deutlich unterscheiden, zB einen Mann(weder Neil noch Christopher fallen in diese Spezies durch ihr ständiges pubertär anmutendes Gejammer und Schwelgerei), um dann zu versuchen, sich in eine andersartige Gedankenwelt einzufinden. Die Welt mit den Augen von anderen Menschen und Charakteren zu sehen können, darum geht es in der Literatur.

Der nächste Punkt wäre, eine Charakterentwicklung zu beschreiben, sprich die innere Reise einer Figur, die mehr über sich selbst herausfindet, die mit ihrer Umwelt reflektiert, die von tiefgehenden Ereignissen geprägt wird, um am Ende ein ‚anderer‘ Mensch zu werden. Also nicht wie eben Christopher, dem von Anfang bis Ende des Textes nichts widerfährt, was seine Persönlichkeit in Frage stellt, sondern der von Anfang an zu wissen glaubt, wie sein Schicksal aussieht, und diesem dann in einer Einbahn entgegenfährt, die nichts als Bestätigungen für sein egozentrisches Weltbild liefert. Einige wenige Ansätze gibt es in der Geschichte, wie sein Konflikt, ob er seine Familie wirklich verlassen soll, um in das Meer zu gehen. Es bleiben aber eben nur Ansätze, wodurch nie eine echte Entwicklung stattfindet.

Ebenso ein wichtiger Punkt wären die Nebenfiguren. Eine Nebenfigur, die nur Teil der Kulisse ist und sonst nichts zur Geschichte beiträgt, schadet der Glaubwürdigkeit immens. Eine einzige Ausnahme gibt es in dieser Geschichte in der Hinsicht, um fair zu sein: Neils indianische Großmutter, die tatsächlich keinem Stereotyp 1 zu 1 folgt. Leider tritt sie nur bei einem Telefonat auf, und danach gar nicht mehr.
Hier geht es wieder um Empathie und die Fähigkeit, die Welt mit den Augen eines ‚andersartigen‘ Menschen zu sehen. In ihrem Verhalten jederzeit vorhersehbare Roboter oder, um ein Originalzitat aus der Geschichte zu verwenden, „austauschbare Idioten“ tragen nichts dazu bei, einer Geschichte ‚Leben‘ einzuhauchen. Nebenfiguren, die immer, so wie echte Menschen eben, eine Prise Unberechenbarkeit und Originalität in sich tragen, hingegen schon.

Der letzte wichtige Punkt, den ich der Autorin ans Herz legen möchte, ist, nicht in jedes sich anbietende Klischee zu verfallen. Geschichten, in denen androgyn wirkende Männer mit blauschimmernden Haaren und ‚opalgleichen‘ Augen übereinander in Wollust herfallen, gibt es myriadenfach auf den Fanfic-Seiten. Selten genug findet man unter Amateur-Autoren solche mit einem so ausgeprägten Gefühl für Sprache und Poesie wie hier, dass es mich umso mehr schmerzt, zu sehen, wie so jemand in die selbe Kerbe wie abertausende andere schlägt.

 

Fazit

Das Fazit muss, um gerecht zu bleiben, getrennt werden, und zwar nach Zielgruppen.

Alle LeserInnen, die Bücher a’ la 'BisS' mögen, werden auch diese Geschichte lieben, da alle ihre Erwartungen auf Herzschmerz, endlose Gefühlsschwelgerei und tragischen „ich-bin-so-anders“-Tiraden zu 100% erfüllt werden.

Den Rest der Menschheit erwartet hier eher Langeweile, da der hervorragende sprachliche Eindruck über die massenhaft angehäuften Klischees und endlosen Wiederholungen nicht hinwegtäuschen kann.

 

Mit lieben Grüßen,

Rahir

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Veröffentlicht in Original_Fantasy

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