Nocona - Der Wanderer(Original/Historie)
Titel: Nocona - Der Wanderer
Autor: Phoenix78
Prosa oder Poesie: Prosa
Fandom / Original: Original
Genre: Historie
Link zur Story:
http://www.fanfiktion.de/s/4ab0f4dc000082ec0c903a98
Kurzbeschreibung des Inhalts
Im Alter von neun Jahren muss Cynthia, die Tochter eines Baptisten, die Auslöschung ihrer Siedlung mitansehen. Ihre Familie wird getötet, sie selbst von den Indianern geraubt. Doch was als Entführung beginnt, entwickelt sich zu einer Geschichte über die einzig wahre Liebe. Cynthia lernt, die Comanchen zu respektieren und findet in der Einsamkeit der Wildnis jene Freiheit, die ihr in der Welt der Weißen verwehrt wurde. Nocona, ein junger Krieger, verliebt sich in die heranwachsende Frau. Für sie, das begreift er bald, würde er alles opfern. Selbst sein Leben.
Sprache
Zu Beginn kann ich gleich festhalten, dass dieser Text offenbar schon aufmerksam betagelesen wurde. Es finden sich nämlich so gut wie keine Fehler, weder in der Rechtschreibung noch in der Grammatik. Davon abgesehen verrät die Autorin ihre umfangreiche Schreibpraxis von Anfang an. Das fängt an bei der sicheren Wortwahl, den treffenden Beschreibungen, den gelungenen Metaphern und der szenischen Dramatik, die die Vorgänge mühelos in flüssiges Kopfkino umwandeln.
Einer der wenigen Kritikpunkte auf der stilistischen Ebene ist nur die häufige Verwendung des Wortes ‚unendlich‘, das eines der Lieblingswörter der Autorin zu sein scheint. 30 Verwendungen dieses Wortes habe ich gezählt, was einfach zu viel ist. Davon abgesehen ist es einer der technisch gelungensten Texte, der mir je untergekommen ist- wie auch schon das frühere Werk ‚Indigo‘ der Autorin, das ich bereits unter die Lupe nehmen durfte. Insofern kann ich gegenüber diesem fachlich bereits gelungenen Werk sogar noch einen gewissen Fortschritt feststellen- allerdings bedauerlicherweise nur auf dieser Ebene. Aber dazu unten mehr.
Inhalt/Handlung
Der Plot ist ziemlich ‚Gerade-aus‘, trotz des Umfangs des Werks. Cynthia, die Tochter weißer Siedler, überlebt als eine von wenigen einen Überfall der Comanchen, die ihr Fort angreifen. Auf seltsame Weise wird sie dabei zur ‚Blutsschwester‘ eines der jungen Indianer, Nocona, der neben ihr die zweite Hauptfigur ist. Vielmehr Plot als die sich langsam abzeichnende Romanze gibt es darüber hinaus nicht, was ich von dieser Autorin bereits kenne. Das Tempo des Plots als ‚behäbig‘ zu bezeichnen wäre, als würde man die Temperatur am Gipfel des Mt. Everest als ‚kühl‘ umschreiben. Das ist aber nicht so tragisch wie es klingt, denn durch ihre farbenreichen und gut recherchierten Schilderungen aus dem Alltag der amerikanischen Ureinwohner kann man den Mangel an Geschehnissen gut verzeihen.
Man merkt ganz allgemein, dass die Autorin ihre Themen umfangreich recherchiert und mit Hintergrundwissen angereichert hat. Sie hat sich sogar die Mühe gemacht, ganze Dialoge in die Sprache des Indianerstammes zu übersetzen und liefert in Fußnoten auch interessante Zusatzinfo. Was ich weniger lobenswert finde, ist die Moralin-durchtränkte Handlung, die keine Sekunde müde wird, ihre ‚Botschaft‘ zu wiederholen. Sicherlich wurden Menschenrechte, speziell die Rechte der Frau, im 19.Jahrhundert oft genug mit Füßen getreten, vor allem im ‚Wilden Westen‘. Eine so krasse Schwarz-Weiß-Darstellung zwischen verabscheuungswürdigen Siedlern und engelhaften Indianern ist aber nicht nur nervtötend, sondern einfach realitätsfremd. Mich wundert, dass sich jemand so viel Mühe macht, das Leben der amerikanischen Ureinwohner so detailreich zu schildern, während zwischenmenschliche Vorgänge allesamt mit rosarotem Honig übergossen und letztendlich darin ertränkt werden, nur um dann wieder in moralistische Predigten wider die Siedler zu fallen.
Charaktere
Die Hauptfigur, das Mädchen Cynthia, wird sehr gut als aufwachsendes Mädchen in der rauen Welt der Besiedlung Amerikas geschildert. Dagegen fällt auf, dass ihre passend kindliche Perspektive manchmal mit seltsam erwachsenen Ansichten durchsetzt wird, was dann etwas unstimmig klingt. Darüber hinaus hat sie aber kaum auffallende Charaktereigenschaften, sondern dient eher als Vehikel, in dem sich der Leser durch dieses melodramatische Werk bewegt. Diese ‚charakterliche Blässe‘ hat wohl den genrebedingten Grund, dass sich jede Leserin in der Hauptfigur widererkennen soll, um quasi die Handlung aus ‚erster Perspektive‘ zu erleben, ohne dass dabei charakterliche Kanten in den Weg kommen.
Die indianischen Charaktere, auf denen der Schwerpunkt der Handlung liegt, zeichnen sich allesamt durch engelhaftes Wesen und körperliche Schönheit aus, die zu beschreiben die Autorin niemals müde wird. Vor allem die sich ständig wiederholende Bemerkung, dass ‚die Männer schön wie Frauen sind‘, zementiert dieses Klischee zusätzlich. Die Siedler hingegen sind immer mörderische Bastarde, unter ihnen ein Pfarrer, der missionierungsunwillige Indianer einfach mit Pocken-verseuchten Decken dezimiert. Diese einseitige Darstellung eines Figuren-Ensembles, das nahezu ausschließlich aus Pappschablonen besteht, ist mir auch aus ihrem früheren Werk gut in Erinnerung.
Sonstiges
Die Grundidee, einen Roman in der Welt der amerikanischen Ureinwohner anzusiedeln, die sich den ersten Pionieren gegenübersehen, ist durchaus originell(der Grund übrigens, warum in dieser vor politischer Korrektheit triefenden Geschichte die Ureinwohner dann doch ‚Indianer‘ genannt werden, liegt wohl daran, dass ‚amerikanische Ureinwohner‘ sich recht sperrig im Text ausnimmt, nur so nebenbei). Dinge wie Textgestaltung, szenische Beschreibungen und der Stil im Allgemeinen weisen allesamt eine hohe Qualität auf, die durchaus professionellem Anspruch genügt. Ebenso ist die Überarbeitung in einem sehr gründlichen Ausmaß erfolgt, weshalb es auf der Oberfläche so gut wie keine Kritikpunkte gibt.
Persönliche Meinung
Der gesamte Stil der Autorin wirkt sehr routiniert und zeugt von großem Talent. Bedauerlicherweise fehlt ihr eine wichtige Eigenschaft für einen Autor: Die Fähigkeit, über einen selbstgeschriebenen Text zu reflektieren. Die interessante Grundidee mit ihren begrüßenswerten Themen landen allesamt unter der Walze des gefühlsduselnden Pathos, der alles mit einer klebrigen Schicht überzieht. Kaum ein Satz, der nicht moralisierend oder einfach mit Schwulst versehen ist. Eine neutrale Stimme, die subtile Nuancen, Vielschichtigkeit sowie eigene Deutungen erlaubt, fehlt hier völlig.
Dieser Roman ist von der ersten bis zur letzten Zeile ein Zugeständnis an die Lesererwartung, die in diesem speziellen Fall wohl erfüllt wird. Ein Leser, der sich Gedankenanstöße anstatt des monotonen Widerkauens bestimmter Ideen erwartet, findet hier aber nichts. Alles ist extrem ‚schön‘ oder extrem ‚hässlich‘, keinerlei Zwischenton existiert. Zu allem Überfluss gibt es noch einen konstanten anti-religiösen Unterton, der mir als Atheisten eigentlich sympathisch sein müsste, aber erneut so penetrant vorgetragen wird, dass es die Geschichte zu einer Gegenpredigt von jener Art werden lässt, die Engstirnigkeit verurteilt und zugleich auslebt.
Ein weiteres Problem, das mir noch gut von dem vorigen Projekt der Autorin in Erinnerung ist, sind die unzähligen Wiederholungen bestimmter Momente. Alleine schon, wie oft sich die Hauptfigur tränenrührig an sein totes Pferd erinnert, ist irgendwann nicht mehr rührselig, sondern wirkt eher mechanisch, wie ein Kniescheibenreflex. Was mir ebenso bald ins Auge fiel, waren die Dialoge: Fast alle laufen als pathetische Ansprachen im William-Shattner-Stil ab, was nicht nur sehr unnatürlich klingt, sondern auch schnell nervt. Ein Dialog muss nicht unbedingt reale Gespräche eins-zu-eins wiedergeben, er sollte aber auch nicht wie aus dem Rosamunde Pilcher-Roman klingen, selbst wenn man sich das gleiche Genre erwählt hat.
Überarbeitungsvorschläge
Diesen Abschnitt könnte ich mir eigentlich sparen, da die Autorin sich ihrer Sache sehr sicher ist und von mir kaum dreinreden lassen wird. Auch braucht sie zweifellos meinen Rat nicht, um ihr Publikum zu begeistern, was sie sicherlich jetzt schon schafft. Ich werde ihn aber trotzdem für ein paar Gedankenanstöße verwenden, die der Autorin natürlich zur freien Verwendung stehen:
Wie wäre es, alles nicht nur völlig schwarz oder weiß zu schildern? Balzac hat einmal gesagt „keine Figur sollte völlig gut oder völlig böse sein, dafür aber völlig menschlich“. Ansonsten verkommen alle Charaktere zu Pappschablonen, die ebenso austauschbar wie ‚vergessbar‘ sind.
Auch wenn es bequem sein mag, so es ist nicht nötig, für jede Sache in das jeweilig nächstliegende Klischee zu verfallen. Der durchschnittliche Leser(selbst im Romance-Genre)bekommt nicht gleich Zuckungen, wenn man ihr mal etwas anderes als die üblichen Requisiten dieser Literaturgattung präsentiert.
Und nicht zuletzt: Eine neutrale Stimme, die Emotionen ohne pathosbehafteten ‚Beigeschmack‘ überbringen kann und so den Leser seine eigene Deutung vornehmen lässt, ohne ihn mit moralisierender Phrasendrescherei über den Kopf zu schlagen, ist für jeden Autoren das hohe Ziel. Auf diese Weise wird jedes literarische Werkzeug auch ohne Übertreibungen wirkungsvoller und wird mehr als nur ein eng definiertes Publikum erreichen.
Fazit: Eine technisch sehr kompetente Erzählung, die in moralinsaurem Pathos versinkt.
Liebe Grüße,
Rahir