Als Ilúvatar sich erbarmte(Herr der Ringe)

Veröffentlicht auf von Rahir

Titel: Als Ilúvatar sich erbarmte
Autor: Feael Silmarien
Prosa oder Poesie: Prosa
Fandom / Original: Herr der Ringe
Genre: Drama
Link zur Story:
http://www.fanfiktion.de/s/4d5577e400001a8b06700fa0
Kurzbeschreibung des Inhalts: Dem Ork Urod wird ein sonderbares Geschenk zuteil: Er wird von Ilúvatar in einen Elben verwandelt. - Körperlich.
eventuelle sonstige Kommentare: -

 

Sprache

Im Bereich der Rechtschreibung und Grammatik sind mir nur 2, 3 Fehler im gesamten Text aufgefallen. Diesen Bereich beherrscht die Autorin tadellos. Ebenso gut ist die sprachliche Ebene zu beurteilen: Ein flüssiger, organischer und immer sehr anschaulicher Stil zeichnet ihn aus. Was die Ausdrucksweise angeht, so gibt es Schwankungen zwischen einer eher altertümlichen Ausdrucksweise, wie sie gut zur Welt Tolkiens und seiner Schöpfung passt, und einem mehr modernen Slang, der Ausdrücke wie ‚ätzend‘ und ‚Scheiße‘ beinhaltet.

 

Dieser Bruch im Stil lässt sich aber sehr gut mit der wechselnden Perspektive zwischen vorlagenbezogener Fanfic und philosophischer Abhandlung mit Gegenwartsbezug begründen. Darüber hinaus zeigt die Autorin auch tiefergehende Kenntnisse mit den Sprachen, die Tolkien erfunden hat, was die Namensgebung der Figuren und andere Begriffe betrifft. Auch das unterstreicht den positiven Eindruck.


Inhalt/Handlung

Die Handlung folgt grundsätzlich einem Ork namens Urod, der eines Tages eine mysteriöse Transformation durchmacht. Sie verwandelt ihn körperlich in einen Elben, was ihn verständlicherweise aus seiner bisherigen Heimat fliehen lässt. Er findet Unterschlupf bei jenem Volk, dessen äußerliche Erscheinung er nun trägt; dass er sich innerlich aber nur langsam ändern kann, stellen seine Gastgeber während der folgenden Jahre fest. Es folgt eine ‚Identitätskrise‘, die sehr detailliert geschildert wird, und an deren Ende er sich entschließt, zu seinem früheren Volk- das nicht mehr sein Volk ist- zurückzukehren. Die Orks, die ihn für keinen ihres Volkes mehr halten können, bereiten ihm ein grausames Ende, welches dieser Geschichte wohl das P18-Rating eingebracht hat.

 

So viel zur Oberfläche. Viel Interessanter ist aber das Darunter: Die Autorin behandelt eine Menge Themen, darunter eben Identitätskrisen, was das Durchleben solcher aus einem machen kann, spiritueller Hochmut, entstanden aus Wissen, dem die Liebe fehlt, und einiges mehr. Sie wechselt dabei aus der Schilderung, die im Rahmen des Tolkien-Universums stattfindet, in eine sehr universelle Darstellung, die nicht an Zeit und Ort, sondern nur an die entsprechenden seelischen Vorgänge gebunden ist. Dabei folgt die Entwicklung der Hauptfigur, die stellvertretend für jeden Menschen sein kann, dem Prinzip These-Synthese-Antithese. Vom Ork, der äußerlich ein Elb geworden ist und auch innerlich einer werden will(These), zum Neu-Elb, der die scheinbare Überlegenheit seiner früheren Spezies zu erkennen glaubt(Antithese), bis schließlich zur gereiften Persönlichkeit, die weder das eine werden noch das andere zurückerringen will(Synthese).


Charaktere

 

Die Hauptfigur, die zwischen den gegensätzlichen Rassen wechselt und am Ende sich von allen Zugehörigkeiten befreit, dient als Metapher für die Entwicklung zu einem bewussteren Menschen, wie ich sie im vorigen Abschnitt angerissen habe. Auf recht eindrucksvolle Weise schildert die Autorin alle Phasen einer Veränderung, wie sie jedem im Leben passieren kann. Die persönliche Erfahrung spricht deutlich zwischen den Zeilen, was die Wirkung nur verstärkt. Somit bekommt die Hauptfigur zwar keine klassische Charakterisierung im Sinne üblicher Narrativen, stellt aber die Wechselbäder und bipolaren Phasen einer Persönlichkeitsumwälzung sehr gut dar.

 

Ebenso erwähnenswert ist die Nebenfigur der Ninmith(mit seltsamen ‚i‘), welche die einzig wirklich wichtige Nebenfigur im Text darstellt. Zwischen ihr und der Hauptfigur findet eine Annäherung statt, die weit über übliche ‚love-interests‘ hinausgeht. Vielmehr wird sie Teil der übergeordneten Metapher, indem sie stellvertretend für ihre Art die Zwiespälte verkörpert, die ein derartiger Kulturschock nach sich zieht. Ihr Weltbild wird durch den Umgang mit Urod/Moredhel in Frage gestellt und ins Wanken gebracht. Am Ende ist es wohl sie, die ihn zu der Rückkehr zu den Orks bewegt, indem sie ein Beispiel dafür gibt, dass sehr wohl die Möglichkeit existiert, Verstehen zwischen den verfeindeten Rassen zu säen.


Sonstiges

 

Originelle Ideen sind im Bereich der Fanfiktion ungefähr so häufig wie Pommesbuden auf dem Mars; hier aber findet sich eine(eine originelle Idee, keine außerirdische Pommesbude natürlich). Von der übergeordneten Metapher auf die schmerzliche Transformation in ein bewussteres Wesen, über Fragen des Existenzialismus, bis hin zu Erwägungen der Völkerverständigung: Diese relativ kurze Geschichte enthält sehr viel. Was sie NICHT enthält, ist eine naive Heldin, zerrissen zwischen schönem Helden und schönem Schurken, was ihr einen Goldstern von meiner Seite einträgt. Ach ja, und Freizeilen, die das Lesen am Bildschirm angenehm gestalten, sind auch genug enthalten.


Persönliche Meinung

 

Ich möchte voranschicken, dass ich mit dem vordergründigen Genre dieser Geschichte wenig anfangen kann. Tolkiens Werk ist mir natürlich bekannt, darüber hinaus konnte ich aber nie verstehen, wie derart mittelmäßige Bücher ganze Generationen an Autoren prägen und beeinflussen konnten. Wahrscheinlich liegt das an dem reaktionären Romantizismus, der dem Fantasy-Genre anhaftet, welcher viele Leser und auch Autoren anspricht. Dennoch hat mich diese Geschichte hier überaus positiv beeindruckt.

 

Das liegt nicht zuletzt an der schlauen Gegenüberstellung, die die Autorin zwischen Elben(Romantik)und Orks(Aufklärung)betreibt. Hier findet sich kein Moralisieren im üblichen Sinn, keine Gut-und-Böse-Schablonen, sondern stattdessen tiefgründiges Ergründen der beiden Standpunkte sowie der Versuch einer Synthese der beiden. Das offene, ambivalente Ende passt da sehr gut dazu, ebenso wie die psychologisch exakte Schilderung der Veränderungen, welche die Hauptfigur erlebt. Alles in allem hat diese Geschichten ihre Genre-Konventionen im besten Sinne hinter sich gelassen und mich damit tief beeindruckt.


Überarbeitungsvorschläge 

 

Was Überarbeitungsvorschläge angeht, so kann ich höchstens anmerken, dass das gedankliche Sinnieren der Hauptfigur/des Erzählers stellenweise geringfügig Richtung Weinerlichkeit abdriftet, was man durchaus zurückschrauben könnte. Davon abgesehen gibt es nichts zu verbessern.

 

Fazit: Weniger eine Geschichte über Orks und Elben, als vielmehr eine über das Leben und seine Veränderungen, seine Prüfungen und seine Transformationen selbst. SEHR lesenswert.

 

Liebe Grüße,

Rahir


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Veröffentlicht in Fanfiction_Literatur

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F
<br /> Hallo Rahir,<br /> <br /> auch wenn mit starker Verspätung: DANKE für das Feedback und für die Mühe, die zweifellos damit verbunden war! Ich danke dir auch für die Interpretation, sowas finde ich als Autor immer am<br /> interessantesten. Ein gesondertes Dankeschön für die Kritik zum Schluss - ich hatte gehofft, dass etwas kritisiert wird, da "AIse" meine erste FF ist, mit der ich wirklich zufrieden bin, aber die<br /> Vorstellung, dass es nicht noch besser geht, sehr unrealistisch fand.<br /> <br /> Ich war übrigens auch wirklich positiv überrascht, wie schnell das ging. Auf der Hauptseite steht etwas von ... 8 Wochen Wartezeit? Und trotz der Schnelligkeit steckt in dem Feedback wirklich sehr<br /> viel Analyse und Arbeit. Ich werde es in Ehren halten.<br /> <br /> Liebe Grüße<br /> Feael<br /> <br /> PS: Was findest du am "Herrn der Ringe" denn mittelmäßig? Tolkien hat eine riesige fiktive Welt erschaffen mit doch recht komplexen Zusammenhängen, und wenn man Magie & Co. für gegeben annimmt<br /> (ich meine die "Als ob"-Lektüre), könnte seine Welt auch real sein. Und das Schönste ist: Man kann an dieser Welt auch noch weiterbasteln. Das ist es, was mich persönlich an diesem Buch fasziniert.<br /> Das nur zu menschliche Vergnügen daran, Gott zu spielen.<br /> <br /> <br />
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