"Tagebuch eines Vampirs" von PaigeM
* Titel: Tagebuch eines Vampirs
* Autor: PaigeM/ MsPaige
* Prosa
* Original
* Genre: Mystery
* Link: http://www.fanfiktion.de/s/4a400ccd0000e2320c902ee0
* Kurzbeschreibung des Inhalts:
Zu leben ist scheiße.
Tot zu sein ist scheiße.
Untot zu sein ist die Hölle.
Alex ist ein Vampir und hasst diesen Zustand. Nichts würde er sich sehnlicher wünschen als wieder ein Mensch zu sein, wieder zu spüren wie sein Herz schlägt und das Blut in seinen Adern pulsiert, das Gefühl zu leben. Hätte er sich doch bloss nicht auf dieses alberne Ritual damals eingelasen.
Sprache
Es ist schon mal ein guter Beginn, in der Kurzbeschreibung zwei Tippfehler einzubauen. Die Kurzbeschreibung ist die Visitenkarte einer jeden Geschichte, zumindest diese sollte fehlerfrei sein. Allerdings finden sich im Rest der Geschichte dann praktisch kaum Tippfehler mehr. Grammatikalisch kann ich wenig aussetzen, nur hin und wieder vermisse ich ein Komma. Die Sätze sind eher kurz, teilweise fast abgehackt. Dies stört aber nicht wirklich, sondern ergibt sich eher aus dem knappen, trockenen Stil der Autorin. Wortschatz wie auch Ausdrucksweise zeigen, dass die Autorin von guten literarischen Vorbildern profitieren könnte. Ich empfehle der Autorin(wie auch jedem anderen Hobbyschreiber)die Lektüre anspruchsvoller Literatur, was die beste Methode ist, seinen Wortschatz zu erweitern und ein Gefühl für Sprache zu entwickeln.
Inhalt/Handlung
Es beginnt mit einem Prolog, der nicht wirklich Info enthält, die man nicht nachher sowieso bekommt. Die Vorstellung der Hauptfigur klingt etwas angestrengt witzig. Es ist ein gutes Beispiel, wie Humor nicht funktioniert; Humor geschieht immer spontan, aber nicht anhand von Floskeln, die keinen mehr überraschen. Im Verlauf des zweiten Kapitels sieht man dann das langweilige Leben der Hauptfigur, das bald in das andere Extrem kippt. Hier wird auch die Vampir-Werdung der Hauptfigur geschildert. Das ‚Ritual‘, mit welchem die Hauptfigur zu einem Vampir wird, ist so grotesk, dass es besser ein Geheimnis geblieben wäre, anstatt gezeigt zu werden. Es ist kein Problem, manche Handlungselemente nur anzudeuten oder zu umschreiben; besser jedenfalls, als Ideen einzubauen, die wenig durchdacht sind.
Das dritte Kapitel wiederum handelt rein aus der Ich-Perspektive, ohne echte Geschehnisse. Es wird nur erklärt, dass mithilfe eines magischen Geräts diese Erinnerungen aufgezeichnet werden. Eine Erläuterung, die der Geschichte nichts hinzufügt und entbehrlich ist. Die Geschichte handelt doch einfach von seinen Erinnerungen, warum also dieser Einwurf mit diesem magischen Dingsbums? Er könnte sich doch auch einfach so erinnern; die meisten Leute schreiben ihre Memoiren ohne magische Hilfsmittel, ich schätze, das könnte auch bei der Hauptfigur dieser Geschichte funktionieren.
Das vierte Kapitel geht in der Ich-Perspektive weiter und beginnt mit philosophischen Betrachtungen a’ la „Was wäre wenn?“ Leider handelt diese nur von ‚fliegenden Autos‘ und ähnlichem technischen Fortschritt, nicht aber davon, wie sich die Gesellschaft in den Jahrhunderten eines Vampirlebens womöglich ändert. Diese Betrachtungen gehen nicht wirklich in die Tiefe, was die Hauptfigur interessanter hätte machen können. Dann kommt ein Mädchen namens ‚Aurora‘ quasi aus dem Nichts ins Spiel, ein Name, der schon von weitem nach ‚Mary-Sue‘ klingt. Warum nicht gleich ‚Bella‘ oder ‚Isabeau‘, wenn wir schon bei Kunstnamen sind? Danach geht es übergangslos in eine schwarze Messe samt Blutopfer. Danach wiederum gibt es eine recht wirre Sequenz, in der sie mit einer Gruppe Satanisten mordend durchs Land zieht. Ihr eigener Vater wird ermordet, dann zieht sie alleine weiter, mordet wieder, bringt schließlich den Anführer ihrer früheren Gruppe um und so weiter. Es finden sich an dieser Stelle leider kaum mehr als inkohärente Gewaltfantasien, die schließlich wieder in die Gegenwart der Hauptfigur münden.
Im fünften Kapitel, das wie alle anderen ohne Überleitung oder nähere Umgebungsbeschreibung eingeleitet wird, findet sich die Hauptfigur in einer Stadt der Gegenwart wieder(zumindest habe ich das vermutet). Es folgen eine kaum zusammenhängende Beschreibung, die von der Jagd auf Monster handelt, deren Herkunft nicht erklärt wird, sowie einer Szene, in der die Hauptfigur eine Frau rettet, auch eine Beschreibung, die leider wenig übersichtlich ist. Darin gibt es auch einen Dialog, der schwer überarbeitungsbedürftig ist. Enden tut das Kapitel mit einer Szene, in der die Hauptfigur das erste Mal eine Empfindung abseits von Selbstmitleid hat, ein Moment, der Hoffnung auf eine Verbesserung seiner Charakterisierung macht.
Charaktere
Die Hauptfigur ist leider eindimensional; weder sein zuerst langweiliges Durchschnittsleben noch sein darauffolgendes Dasein als ‚düsterer Rächer‘ lassen menschliche Qualitäten oder gar Vielschichtigkeit erkennen. Die inneren Monologe haben immer denselben Inhalt, was vertane Chancen sind. Bis jetzt, nach den ersten fünf Kapitel, ist er nichts als ein rachegetriebener, austauschbarer Actionheld mit Emo-Einschlag.
Der Vampir, durch den die Hauptfigur erst zu einem wird, wirkt lächerlich und sehr inkonsistent. Er schwankt zwischen(O-Ton)Beachboy und Vampirfürst und ist dabei keinen Moment lang glaubwürdig.
Das Mädchen namens ‚Aurora‘ hatte zu wenig ‚Bühnenzeit‘, um irgendwelche interessanten Eigenschaften zu zeigen. Außer Blut und Gewalt wurden ihr leider bisher keine Themen gewidmet.
Die Dialoge zwischen den Charakteren triefen einerseits vor unfreiwilliger Komik, andererseits vor Betroffenheitsgejammer. Dann sind sie wieder über die Maßen pathetisch. Zu keinem Zeitpunkt wirken sie wie Gespräche zwischen echten Menschen, die tatsächlich so ablaufen könnten. Ein guter Tipp für die Autorin wäre es, die Gespräche echter Menschen von allem Ballast zu befreien und dabei aufzuschreiben, anstatt One-liner an One-liner zu reihen, die nur aus schlechten Fantasyfilmen stammen können.
Ich kann nur wiederholen, dass eine Hauptfigur Vielschichtigkeit und echte Emotionen braucht, andernfalls wird sie zu einem wandelnden, eintönigen Klischee. Wie soll ein Leser mit einer Hauptfigur mitfiebern, die nicht einmal ansatzweise an einen echten Menschen erinnert?
Sonstiges
Vampire sind keine originelle Idee mehr, spätestens nach S. Meyers literarischer Vergewaltigung dieses Themas. Gänzlich abschreiben sollte man dieses Thema andererseits auch nicht; die ersten 5 Kapitel dieser Geschichte machen aber wenig Hoffnung, doch noch eine erfrischende Neuinterpretation vorzufinden.
Durch die weitgehende Abwesenheit von Orts- oder Personenbeschreibungen kommt kaum Erzählfülle auf. Die inneren Monologe der Hauptfigur drehen sich ewig und immer um Betroffenheit und Selbstmitleid und klingen zu sehr nach „von-der-Seele-Schreiberei“. Distanz zum Geschehen und den Figuren wäre dringend notwendig, um dem Plot wenigstens etwas Vielschichtigkeit und Abwechslung abzugewinnen. Eine gute Geschichte spricht den Leser auf mehreren Ebenen an, anstatt monoton in einer Tonlage dahin zu rumoren. Das Einbauen verschiedener Themen wäre dringend notwendig, um diese Abwechslung zu erzeugen.
Außerdem fehlt es an Absätzen, um dem Auge beim Lesen mal Pausen zu gönnen.
Persönliche Meinung
Diese ersten Kapitel bieten wenig Gelegenheit zur Charakterisierung außer den Betonungen, dass dieser Alex Hudson ein totaler Durchschnittstyp ist, der plötzlich zum Superheld mutiert, was wenig originell ist. Auch wenn es nach diesen ersten fünf Kapiteln noch verfrüht ist, ein solches Urteil zu treffen, so sieht es doch ganz danach aus, dass die Autorin einen langweiligen Otto Normalo zu einem charismatischen Superhelden ausbaut, also die Abkürzung von einem Extrem ins andere nimmt, ohne dazwischen allzu viel Menschlichkeit einzubauen, und das alles unter dem Vorwand des Vampirismus.
Es gäbe eine Menge Fragen, die man bei diesem Thema aufarbeiten könnte, wie zB was es bedeutet, ewig zu leben und seine Mitmenschen sterben zu sehen. Das Einzige, das mich anspricht, ist die Idee, dass Vampire hier Blut nicht zum Leben brauchen, sondern mehr als Droge sehen, die sie ‚lebendig zu sein‘ glauben lässt. Sollte die Autorin diese Idee weiter ausbauen, dann hat diese Geschichte noch die Chance, interessant zu werden.
Überarbeitungsvorschläge
Ich empfehle, anstatt verwirrender Fantasy-Elemente mehr Charakterisierung einzubauen. Eine Handlung zum Thema Vampire kann schwerlich originell sein, sie könnte es aber durch die Verwendung interessanter Figuren werden. Bis jetzt lässt noch nichts darauf schließen, dass diese Hauptfigur irgendwelche bemerkenswerten Charakterzüge trägt, abgesehen von ihrem Vampirismus. Auch tragen Beschreibungen wie ‚schön wie eine griechische Statue‘ kein bisschen zur Glaubwürdigkeit bei. Innere Monologe sind in reicher Zahl vorhanden, was grundsätzlich gut ist. Allerdings sollten diese mehr als nur ein einziges Thema- in diesem Fall Selbstmitleid- zum Inhalt haben. Eine Art ‚Karte‘, auf der die Eigenschaften der Figuren eingetragen sind, lege ich der Autorin ebenfalls ans Herz, um mit dieser die Charakterisierung zu planen und mehr zu vertiefen.
Liebe Grüße,
Rahir