Die Rache des Rotkehlchens(Original)
Titel: "Die Rache des Rotkehlchens"
Autor: suede
Prosa
Original
Genre: Abenteuer/Western
Link: http://www.fanfiktion.de/s/4d0a5f350000593a0c904e20
Kurzbeschreibung: New Mexico um das Jahr 1868: Ein Fremder kommt in die kleine, verschlafene Stadt San José und sucht Zuflucht in der baufälligen Pension der jungen Robin. Als diese erfährt, wem der zynische Kopfgeldjäger auf der Spur ist, heftet sie sich an seine Fersen, denn auch sie hat noch die ein oder andere Rechnung offen. - Es geht also um Rache, Morde, Pferde, Revolver, Sand und Filmzitate.
Sprache
Im Bereich der Rechtschreibung sowie der Grammatik gibt es so gut wie nichts auszusetzen, bis auf einige wenige, verstreute Tippfehler, die bei einem neuerlichen Überarbeitungsvorgang sicher auffallen, und so manchem fehlenden ‚und‘. Darüber hinaus gefällt die Sprache der Autorin mit geschliffener Ausdrucksweise und flüssigen Formulierungen. Ob es nun die Personenbeschreibungen sind, die alle ebenso ökonomisch kurz wie passend sind, die Landschaftsbeschreibungen, welche die Szenerie wirklich lebendig werden lassen, oder auch der Wortwitz, der immer wieder ein Lächeln auf das Gesicht des Lesers zaubert: Auf der stilistischen Ebene ist diese Geschichte sehr gut. Was mich hingegen im orthografischen Bereich verwirrt hat, war die Gewohnheit der Autorin, nach jedem Satz in Anführungszeichen einen weiteren Punkt zu setzen, was wie am Ende dieses Satzes aussieht.“. Den Grund für diese penibel eingehaltene Vorgangsweise kann ich nur raten.
Inhalt/Handlung
Der Inhalt orientiert sich klar an den legendären Spaghetti-Western: Fremder Unbekannter kommt in kleine Grenzstadt(es sind übrigens immer Grenzstädte, und nie welche einfach mitten im Land)und ist auf der Suche nach… Jemandem. Dabei begegnet er einer einzelgängerischen Frau von halbindianischer Herkunft, die nicht nur für die Pension, die sie betreibt, noch einige offene Rechnungen herumliegen hat. Wie sich die Handlung weiter entfaltet, kann ich nicht sagen, da mir der Text im unvollständigen Zustand vorliegt.
Ich kann aber jetzt schon sagen, dass sie sich um die Jagd nach einem mit einem hohen Kopfgeld bedachten Schurken dreht, welche die beiden gegensätzlichen Protagonisten zusammenschweißt. Das Tempo der Geschehnisse ist eher bedächtig, geradezu minutiös, was durch den sehr guten Stil der Autorin aber nicht stört, im Gegenteil. Auch erwähnenswert finde ich die wirklich gut eingefügten Flashbacks, welche die Hintergründe der Figuren zeigen. Oft genug erlebt man, wie dieses Stilmittel an den eigentlichen Erzählstrang angetackert wird; hier aber fügen sie sich auf eine Weise in das Geschehen, wie ich es selten so gelungen gesehen habe.
Charaktere
Die Geschichte hat zwei Hauptfiguren: Robin, eine junge Frau, die offenbar bei einem Überfall auf einen Siedlertreck zur Vollwaise wurde und danach bei Indianern aufwuchs, und Mungo, einem Kopfgeldjäger mit tragischer Vergangenheit(denn Kopfgeldjäger in Western haben IMMER eine tragische Vergangenheit; offenbar ergriff niemand je diesen Job aufgrund der Verdienstmöglichkeiten und Karrierechancen). Die Autorin investiert einiges an Mühe in die Charakterisierung der beiden, was mir positiv auffiel. Im Vordergrund steht eher noch Robin, die auch die Mehrheit der schreiberischen Aufmerksamkeit erhält. Sie wird als resolute, überlebensfähige Frau im wilden Westen dargestellt, was man ihr aufgrund der wie erwähnt höchst gelungenen Charakterisierung abnimmt.
Was ich persönlich ihr weniger abgenommen habe, waren die Attitüden, die ihr im weiteren Verlauf der Geschichte zugeschrieben werden: Von der bloß wehrhaften jungen Frau wird sie zunehmend zu einer Mischung aus John Wayne und Charles Bronson, und wirkt somit bald ‚härter‘ als der eigentliche Kopfgeldjäger der Geschichte. Das fängt an mit dem kaltblütigen Abknallen von Personen und geht weiter mit den Drohungen, mit denen sie ihre Umgebung, vor allem Mungo, bedenkt. Auf der anderen Seite kann man der Autorin zugutehalten, dass sie eine recht unterhaltsame Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren entstehen lässt. Die Dialoge sind meistens überaus schlagfertig und geizen nicht mit Humor. Die Nebenfiguren hingegen verbleiben zumeist bei den Western-typischen Klischees, wie man sie aus Filmen kennt, was aber zumindest für mich kein Problem darstellte. Denn diese Figuren erwartet ohnehin mehrheitlich das, was Nebenfiguren in Western unvermeidlich ereilt: Das Austrocknen in der erbarmungslosen Präriesonne oder der Tod durch ‚Bleivergiftung‘.
Sonstiges
Die Autorin macht Anspielungen auf das Westerngenre, indem sie bspw. die Erzählstimme in geradezu prophetischer Voraussicht von den zukünftigen Ereignissen im Örtchen Tombstone reden lässt, und das auf eine allzu aufdringliche Weise, die einen aus der Geschichte herausreißt, als würde man beim Lesen auf einem Katapult sitzen. Desweitern spricht die Erzählstimme an einer Stelle von ‚überschallschnellen Berg- und Talbahnen‘ und anderen Dingen, die den Figuren gar nicht bekannt sein können. Solche Anspielungen verfehlen ihren Zweck und stören umso mehr, wenn man sie ‚schnallt‘. Darüber hinaus ist ein omnipräsenter Erzähler heutzutage unüblich, passt aber recht gut in eine Geschichte, die historisch im 19.Jahrhundert verankert ist.
Persönliche Meinung
Diese Erzählung ist so klassisch wie John Wayne in ‚Hondo‘ und beinhaltet alles, was das Western-Genre ausmacht. Es finden sich all die liebgewonnenen Klischees dieses Genres, die gemeinsam mit dem gekonnt eingestreuten Humor eine Atmosphäre erschaffen, in der man den Sand der Prärie förmlich schmeckt, das Quietschen der Saloon-Türen hören kann und einem der Pulverschmauch der Colts in die Nase steigt. Diese Geschichte ist ein Zusammentreffen aus sehr gutem Ausdruck und einer Grundidee, die ich persönlich im Hobby-Autorenbereich bisher selten gesehen habe. Darüber hinaus kann sie aber dennoch mit Vielschichtigkeit aufwarten, wie beispielsweise mit Anspielungen auf die alltägliche Lebensweise im ‚Wilden Westen‘ oder auch die indianische Kultur, die auf interessante Weise eingeflochten wird.
Überarbeitungsvorschläge
Die Geschichte zeigt, dass sich die Autorin mit der Epoche des ‚Wilden Westens‘ ausführlich auseinandergesetzt hat. Nur kleine Zeit-Paradoxons wie ‚tragbare Gaslampen‘, die wohl Petroleumlampen sein sollen, sind zu finden, ansonsten sind die Details erfreulich akkurat. Bis auf seltene Tippfehler sehe ich hier keine echten Verbesserungsmöglichkeiten. Somit kann ich sie jedem Leser, der dem Western-Genre auch nur ansatzweise etwas abgewinnen kann, uneingeschränkt empfehlen.
Fazit: Eine Geschichte so stilvoll und markant wie ein im Sonnenuntergang verschwindender Reiter.
Liebe Grüße,
Rahir