Raunächte(Supernatural)
Titel: Raunächte
Autor: shadow1a
Fandom / Original: Supernatural
Genre: Horrordrama
Link zur Story: http://www.fanfiktion.de/s/4abc9e7e0000cfca06514438
Sprache
Im Gegensatz zu der größtenteils tadellosen Rechtschreibung und Grammatik steht die Komma-Setzung, die stark verbesserungsbedürftig ist. Davon abgesehen fällt die sehr bildliche Sprache der Autorin auf, die ich schon in einem früheren Review eines ihrer Werke lobend erwähnt habe. Was ich auch erwähnt habe und was hier erneut zutrifft, ist der Umstand, dass sie sehr oft über das Ziel hinausschießt. Wenn sich Metapher über Metapher lagert und diese sich gegenseitig mit ihren blumigen, unwahrscheinlichen Aussagen überlagern, gerät das eigentliche Geschehen unter einen Wulst von Übertreibungen, der sich immer wieder zwischen das Geschehen und den Leser schiebt. So gut die Metaphern immer wieder sind, weniger wäre hier wirklich mehr. Sich eine einfachere Sprache anzueignen, die nicht jeden roten Faden erstickt, kann diese Autorin noch lernen. Und auch, mit dem Begriff des ‚raunenden Hünen‘ zu sparen.
Das grundlegende Problem bei dieser Geschichte und dem anderen Werk der Autorin(und so vieler Hobbyliteratur)ist, dass sie vor sogenannter ‚Purple Prose‘ trieft. Darunter versteht man, dass der Ausdruck so überzeichnet wird, dass er die zu erzählende Geschichte in den Hintergrund schiebt. Im Romantik-Genre gehört diese ‚Vorgehensweise‘ bis zu einem gewissen Grad sogar zum ‚guten Ton‘, den sich Leserinnen geradezu erwarten und den ich dort weniger bekritteln kann. Dieser Text hier zählt sich aber zum Horror/Mystery-Genre, wo es weniger leicht verzeihlich ist. Das fiel mir besonders auf bei der einen expliziten Liebesszene, die nahezu alle Klischeeausdrücke enthält, mit denen dieses Genre aufwarten kann(„Sams Atem hetzte pfeifend der Erlösung entgegen“… das klingt eher nach dem Geschlechtsverkehr mit einer Dampflok). So sehr die Autorin und viele ihrer Leserinnen das genießen mögen, so sehr nervt das alle anderen Leser und lässt diese den Kopf schütteln.
Inhalt/Handlung
Im Mittelpunkt stehen erneut die beiden Winchester-Brüder, die die Phantasie von Fanfic-Autorinnen rings um die Welt beflügeln. Vom Beginn weg zeigt sich das gleiche Problem wie in dem anderen Werk der Autorin: Es werden viele Fragen aufgeworfen und nur wenig Antworten geliefert. Sich in Geheimnis und Mystik zu hüllen, um eine unheimliche, düstere Atmosphäre zu erzeugen, ist das Eine, und auch gut und recht. Den Leser inmitten einer Anhäufung Nebulositäten auszusetzen und sich darauf zu verlassen, dass er trotz aller Verwirrung weiterliest, ist etwas Anderes. Diese Geschichte ist in der Hinsicht eine echte Gratwanderung.
Im Kern geht es um die Rückkehr einer keltischen Göttin sowie einer Schar von 34 apokalyptischen Reitern, denen nur einer der Winchester-Brüder entgegentreten kann, da er eine Art ‚Auserwählter‘ ist(was die Kenner der Serie sicher besser wissen als ich). Das geschieht mit Hilfe des Farmers Cole, der sich als Druide entpuppt und gemeinsam mit ihnen ein Tor in die Dimension der Göttin Frigg öffnet. Sam wird davor noch in eben diese Dimension entführt, wo er in einem grausamen Ritual alle ‚Geschichten’ des Leids in sich aufnimmt, die ihm wortwörtlich ins Fleisch geschnitten werden. Die Erzählung endet mit ihm in einem Krankenhaus, wo er im umnachteten Zustand seine Genesung abwartet und mit Tina, die ein Kind von ihm erwartet, was auf eine Fortsetzung der Geschichte hindeutet.
Im Grunde ist das ein nicht rasend origineller, aber funktionaler Plot, der weitgehend der klassischen ‚Heldenreise‘ entspricht und Potential zu einer guten Geschichte in sich trägt. Der Plot an sich steht aber nicht im Vordergrund, sondern viel eher die Charaktereigenschaften der beiden Brüder. Das bringt mit sich, dass das Erzähltempo sich ganz auf den melodramatischen Ton konzentriert und den Plot ziemlich in die Länge dehnt. Dadurch ergibt sich eine Länge der Geschichte, die angesichts der wenigen Plot-Etappen doch eher überrascht. Genau wie in dem anderen Werk der Autorin muss ein Leser echte Bereitschaft mitbringen, sich auf das langsame Tempo einzustellen und die Stimmung in sich ‚aufzusaugen‘, wie es wohl gedacht ist.
Charaktere
Die beiden zentralen Charaktere dieser Geschichte, Sam und Dean Winchester, wurden von der Autorin mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail charakterisiert, das kann ich gleich zu Beginn voranschicken. Sie kommen genauso rüber, wie es die Autorin beabsichtigt und wie es ihre Leserinnen schätzen- zwei gefühlsbetonte, nachdenkliche, immer wieder in Schwermut abdriftende ‚Männer‘, die ihre Geschlechtszugehörigkeit vor allem über ihre Physis beweisen, weniger aber über ihr Verhalten oder gar ihre Gedankengänge. Dass es Autoren des einen Geschlechts schwerfällt, sich in die Psyche des anderen hineinzuversetzen, ist gemeinhin bekannt. Hier geschah es wohl mit purer Absicht nicht. Dass zwei sich die meiste Zeit selbst bemitleidende Softies kaum die richtigen Personen für die aufreibende Tätigkeit der Werwolf-Jagd sind, ist für die künstlerische Freiheit einer derartigen Geschichte kein Problem.
Durch ihr stark ‚weibliches‘ Verhalten und ihre im Gegensatz dazu stehende männliche Erscheinung verkörpern sie das, was sich nahezu in allen irgendwie romantisch angehauchten Werken weiblicher Autoren wiederfindet. Die eigene Seelenwelt in ein Objekt der wie auch immer gearteten Begierde hinein zu verpflanzen, ist sicher für viele Autorinnen eine Triebfeder in ihrem Wirken, und das findet sich hier sehr gut umgesetzt. Diese Darstellung bringt aber eine Monotonie in der Charakterzeichnung mit sich, die das Lesen einer so langen Geschichte zumindest für mich mühsam gemacht hat. Eher noch stechen die Figuren Tiffany und Tina heraus, die als Mutter und Tochter die Bar der kleinen Ortschaft leiten, in der sich der größte Teil der Handlung abspielt. Sie bekommen durchaus menschliche Qualitäten, wodurch sie sich wohltuend vom eintönigen Drama um die beiden Brüder abheben.
Sonstiges
Die Grundidee zu dieser Geschichte ist wie bereits erwähnt nicht besonders originell, aber doch fähig, die Handlung zu tragen. Die Prämisse, dass jemand die ‚Sünden‘ bzw. verbrecherischen Lebensläufe verdammter Seelen in sich aufnehmen muss, um so diese Seelen zu ‚befreien‘, klingt vielversprechend und macht eine Charakterreise, geprägt von Verlust und Wiedergutmachung, möglich. Wie aber ebenfalls bereits erwähnt, wird diese Thematik von der überbordenden Melodramatik in den Hintergrund gedrängt. Die beiden Winchester-Brüder sind der eigentliche Kern der Geschichte, was die Autorin wohl beabsichtigt hat und die Fans die Geschichte schätzen lässt. Die Autorin hat auch eine Menge Mühe und Engagement in die Charakterisierung der beiden Helden investiert, wie nicht zu übersehen ist; über die vorgefasste Vorstellungswelt kommt sie dabei aber kaum hinaus. Das führt zu einer gewissen Gleichförmigkeit in der Erzählfülle, die mich den Text noch länger empfinden hat lassen als er ohnehin ist.
Persönliche Meinung
Wie so oft, so steht auch hier meine persönliche Meinung auf verlorenem Posten: Die Autorin und ihre Geschichte haben eine breite Fanbasis, die mir kaum zustimmen wird(und deren Feindschaft ich mir wohl zugezogen habe ;-)). Ich kann sogar die Faszination, die diese Geschichte auf seine Leserinnen ausstrahlt, gut nachvollziehen. Ganz am Ende nennt die Autorin den Text eine ‚Geschichte voller Magie und Gefühle‘: Magie, die aus einem recht standardmäßigen Plot rund um keltische Mystik besteht, und Gefühle, die in erster Linie aus der Charakterisierung der beiden Winchester besteht; nach außen hin attraktive Männer, die ganz das Gefühlsleben ihrer weiblichen Anhänger teilen, auch wenn das schreiend unrealistisch ist. Aber wegen ‚Realismus‘ kommen die Leserinnen nicht hier her, sondern um gemeinsam mit der Autorin in diesem Strudel aus männlicher Ausstrahlung, melodramatischen Aufwallungen und Sadismus(?)zu schwelgen. Der hohe technische Level der Autorin bringt das auch sehr gut rüber und schafft so für die Leserinnen ein einzigartiges Erlebnis. Ich hingegen stehe dieser Anhäufung von Schwärmerei für schöne, leidende und ach-so sensible Männer eher ratlos gegenüber.
Überarbeitungsvorschläge
Wie mir bekannt ist, befindet sich die Geschichte bereits in einem Überarbeitungsvorgang. Ein konsequenter Ansatzpunkt von meiner Seite wäre es, den Text massiv zusammenzuschrumpfen- eine Maßnahme, die aber wohl mehr meine Schreib- und Lesegewohnheiten reflektiert als die Vorlieben der Fans dieser Geschichte. All das Melodrama würde bei mir der Schere zum Opfer fallen; also gerade das, was die Leserinnen fasziniert. Auch die Tatsache, dass die beiden Winchester-Brüder recht unmännliche Persönlichkeiten haben(außer, wenn es gilt, mit einer Frau Sex zu haben), ist nur in meinen Augen ein Kritikpunkt. Am leichtesten fällt es, sich in jemand hineinzuversetzen, der einem selbst gleicht, und das finden die nach Gefühlsschwelgereien suchenden Leserinnen hier exakt.
Fazit: Eine Geschichte voller Melodramatik und Leid, die die Bedürfnisse seines Publikums erkennt und meisterlich erfüllt.
Liebe Grüße,
Rahir